Donnerstag, 11. Dezember 2008

In spiritu sancto (Weihnachtsgeschichte)


In einer Nacht im Dezember steckte der Nikolaus einen roten Karton in Erwins Meilenstiefel. Und am nächsten Morgen, so wie er den Karton aufgerissen hatte, hob Erwin daraus eine Puppe empor und sprach: "Ja, da bist du also. Ich wusste, Du würdest kommen."
Und kaum hatte er das gesprochen, begann die Puppe zu singen:
"Sei gepriesen, Du hast die Welt erschaffen. Sei gepriesen für Sonne, Mond und Sterne. Sei gepriesen, Du bist so..."
Und da legte Erwin der Puppe still eine Hand auf den Mund und steckte sie in das blauschimmernde Prinzengewand, das er die Wochen zuvor in der geheimen Kammer hinter dem Kamin aus Goldfaden gehäkelt hatte. Dann nahmen die beiden ein Frühstück in der Küche, indes draussen vor dem Fenster schwarze Raben kreisten. Es gab heute Lebkuchen und Roibusch-Tee.
"Nun sag mal, kleiner Mann, was ist Dein Lieblingswort?", fragte Erwin. "Konterfei!!!" antwortete die Puppe, "gestern fand ich 'Alabaster' am besten und den Tag zuvor 'Firlefanz'!".
"Verstehe", murmelte Erwin. "Und was ist Dein liebstes Wort?", fragte die Puppe. "Teppichfabrik, aber wir müssen jetzt los, Preise feilschen auf dem Weihnachtsmarkt." Den Siemens-Kühlschrank in der Ecke schüttelte es.
Schon bald darauf schlenderte Erwin über den Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße und klaute Alpaka-Mützen vom Nepal-Stand. Die Puppe saß auf seinem linken Arm und presste ihre kleinen Wangen an Erwins Glühweinbecher, so kalt war es geworden. Gemeinsam beschauten sie sich Holzschnitte von Maria, der Jungfrau. Als sie zu einem Stand kamen, wo der Verkäufer gerade auf Klo war, drückte Erwin der Puppe sein Sturmfeuerzeug in die Händchen. Sie turnte damit in der Auslage herum und entzündete sämtliche Honigkerzen, dreihundert an der Zahl.
Dann gingen sie am Weihnachtsmann vorbei in eine Cocktailkneipe am Hackeschen Markt. Die Puppe kletterte kopfüber in einen Cocktail auf dem Nachbartisch und sie wäre darin ertrunken, hätte sie ihn nicht im letzten Moment ausgetrunken. Dann fing sie an zu lallen. "Ich will nicht zurück ins Erzgebirge ihr Nazis! Ich nehm den Flieger nach Las Vegas!" Erwin steckte das Glas mitsamt der schreienden Puppe in seine neue Hanf-Tasche und stieg in eine Straßenbahn.

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