Montag, 29. Dezember 2008
Sonntag, 28. Dezember 2008
Silvester mit Sarah Sahara
An Silvester traf sich Erwin mit Dr. Hauke Rabauke, dem bekannten Namensforscher. Sie hatten Tickets für den „Finalen Totentanz der Teufel auf dünnem Eis über dem Vulkan als gäbe es kein Morgen“ - eine rauschende Gala in Wedding. Erst mal tranken die beiden eine Flasche Absinth, dann stiegen sie in Rabaukes Daimler und rasten los, durch die glitzernden Strassen dieser Stadt. Auch Sarah Sahara hatte sich für den Abend im Marmor-Bankett-Kronsaal angekündigt. Erwin trug für Sarah stets ein liebliches Gedicht im Herzen, das ihr aufzusagen er sich nie zu trauen gewagt hatte. Und in der Tat, Sarahs Schönheit war atemberaubend heute Nacht. Die Haare wüst, ein Funkeln in den Bernstein-Augen. Sie schwebte gerade in der Ferne eine Treppe hinab.
Viele Gäste mussten um der Kinder willen schon um 19.30 Uhr gehen. Andere gingen selbst noch zur Schule und wollten noch zu einem anderen Tanzfest. Dr. Rabauke bemerkte wohl, wie es um Erwin bestellt war. Der Doktor setzte sein Monokel auf und begann zu analysieren. „Erwin“, sagte Rabauke mit seiner hypnotischen Stimme, „dieser Name stammt zunächst einmal von Herr. In seiner kastrierten Form verkürzt sich das Herr dann zu einem schlichten Er. Darauf folgt das wimmernde, ewig lamentierende Wien. Zur Kombination von beidem brauche ich nichts mehr zu sagen.“ „Ja ich bin ein Würstchen“, antwortete Erwin. Er hatte nur halb zugehört. Am Nachbartisch, an dem auch Sarah Sahara Platz genommen hatte, hatte sich ein Gespräch darüber entsponnen, ob die späten 20er Jahre neuerdings in Mode waren. Die Mehrheit der Tischgenossen empfand einen derartigen Trend, so es einen solchen denn gäbe, als dekadent. "Hauen Se auf die Pauke Rabauke", sagte Erwin, griff zum Tischtelefon und rief Sarah an. „Frau Sahara, darf ich Sie zum Tanz bitten?“ säuselte er in das plüschige Gerät. „Ach Erwin, du bist es, na klar!“. Und während Sarah und Erwin eng umschlungen Walzer tanzten und dann im Mondlicht von Dach zu Dach sprangen, dachte Dr. Rabauke an das neue Jahr und rauchte eine letzte Zigarre.
Freitag, 12. Dezember 2008
Donnerstag, 11. Dezember 2008
In spiritu sancto (Weihnachtsgeschichte)
In einer Nacht im Dezember steckte der Nikolaus einen roten Karton in Erwins Meilenstiefel. Und am nächsten Morgen, so wie er den Karton aufgerissen hatte, hob Erwin daraus eine Puppe empor und sprach: "Ja, da bist du also. Ich wusste, Du würdest kommen."
Und kaum hatte er das gesprochen, begann die Puppe zu singen:
"Sei gepriesen, Du hast die Welt erschaffen. Sei gepriesen für Sonne, Mond und Sterne. Sei gepriesen, Du bist so..."
Und da legte Erwin der Puppe still eine Hand auf den Mund und steckte sie in das blauschimmernde Prinzengewand, das er die Wochen zuvor in der geheimen Kammer hinter dem Kamin aus Goldfaden gehäkelt hatte. Dann nahmen die beiden ein Frühstück in der Küche, indes draussen vor dem Fenster schwarze Raben kreisten. Es gab heute Lebkuchen und Roibusch-Tee.
"Nun sag mal, kleiner Mann, was ist Dein Lieblingswort?", fragte Erwin. "Konterfei!!!" antwortete die Puppe, "gestern fand ich 'Alabaster' am besten und den Tag zuvor 'Firlefanz'!".
"Verstehe", murmelte Erwin. "Und was ist Dein liebstes Wort?", fragte die Puppe. "Teppichfabrik, aber wir müssen jetzt los, Preise feilschen auf dem Weihnachtsmarkt." Den Siemens-Kühlschrank in der Ecke schüttelte es.
Schon bald darauf schlenderte Erwin über den Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße und klaute Alpaka-Mützen vom Nepal-Stand. Die Puppe saß auf seinem linken Arm und presste ihre kleinen Wangen an Erwins Glühweinbecher, so kalt war es geworden. Gemeinsam beschauten sie sich Holzschnitte von Maria, der Jungfrau. Als sie zu einem Stand kamen, wo der Verkäufer gerade auf Klo war, drückte Erwin der Puppe sein Sturmfeuerzeug in die Händchen. Sie turnte damit in der Auslage herum und entzündete sämtliche Honigkerzen, dreihundert an der Zahl.
Dann gingen sie am Weihnachtsmann vorbei in eine Cocktailkneipe am Hackeschen Markt. Die Puppe kletterte kopfüber in einen Cocktail auf dem Nachbartisch und sie wäre darin ertrunken, hätte sie ihn nicht im letzten Moment ausgetrunken. Dann fing sie an zu lallen. "Ich will nicht zurück ins Erzgebirge ihr Nazis! Ich nehm den Flieger nach Las Vegas!" Erwin steckte das Glas mitsamt der schreienden Puppe in seine neue Hanf-Tasche und stieg in eine Straßenbahn.
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Die Rakete
Um durchzustarten, bewarb sich Erwin als Rakete. Er wolle nicht länger auf dem Boden bleiben, sondern sei bereit abzuheben, schrieb er ins Anschreiben. Als Überflieger könne man ihn flexibel und global einsetzen. Nur ab und zu brauche er Urlaub, um einen Burn Out zu vermeiden. Den Urlaub werde er nutzen, um aufzutanken. Dabei werde er Acht geben und seine Seele ganz bestimmt nicht am Strand baumeln lassen. Als Emporkömmling sei er der Kracher und werde einschlagen wie eine Bombe. Dann begann Erwin mit dem Countdown und blickte vibrierend hinaus in den Regen.
Montag, 17. November 2008
Heidenspass
Erwin wollte sich gerade ein Joghurt kaufen, da fand er die Stadt leer. Die Kassiererin bei Penny-Markt war nicht mehr da. Die Bundeskanzlerin auch nicht. Erwin nutzte die Gelegenheit und besah sich in aller Ruhe einen großen Mercedes, der am Strassenrand stand. Dann machte er sich Brote und lief zur Stadtgrenze. Hier war auch niemand, so setzte er den Marsch fort. Auf einer Wiese in Mecklenburg-Vorpommern wurde der ewig Suchende, also Erwin, fündig. Alle Frauen und Kinder und auch alle Männer lagerten nackig im hohen Gras. Da wusste Erwin nicht, was tun. Er zählte durch und kam auf rund 80 Millionen Menschen. Dann schaute er in seine Philosphie-Fibel. „Warum nicht?“, las er darin, und: „Jeder nach seiner Fasson.“ Das nahm sich Erwin zu Herzen und tatsächlich, in den folgenden Wochen, als alle wieder auf ihren Plätzen waren, erwähnte er den Vorfall nicht weiter. Aber als dann, Monate später, ein ganz kleiner Mann in diesen riesigen Mercedes stieg, da konnte sich Erwin, ein Lächeln. Einfach nicht. Verkneifen.
Der Denker
Im Schlaf traf Erwin ein Schlag auf den Kopf. "Wie bekloppt bist du eigentlich?" , flüsterte eine Stimme, "Du glaubst an die Evolutionstheorie?".
"Ja schon", unterstrich Erwin.
"Dann erklär mir mal die Existenz einer Giraffe und eines Hammerhais."
"Na ja, ....Muta.., Mutatio..., Mutationen!"
Die Stimme hatte Erwin auf dem Fuß erwischt, mit dem er sonst morgens falsch aufstand.
Sie schimpfte ihn aus: "Selber denken Erwin! Nicht alles glauben, was die anderen sagen. Selber denken!"
Als Erwin gegen Mittag erwachte, fand er neben dem Kopfkissen ein Stück Knorpel. Er rekonstruierte, was passiert sein musste. Der Knorpel stammte aus dem Hühnerfrikassee vom Abend zuvor. Über Nacht war der Knorpel aus Erwins Magen die Speiseröhre hochgewandert. So hatte er einen Brechanfall bekommen und sich den Kopf an der Bettkannte aufgeschlagen. Anstatt dabei aufzuwachen, hatte er die lebensbedrohliche Situation simultan in einem Traum verarbeitet. Die Giraffe, die ihm darin erschienen war, stand stellvertretend für einen viel zu langen Hals. Der Hammerhai symbolisierte etwas Sperriges. Auf den wirren Gedanken, dass man den erstickenden Erwin wegen seiner darwinistischen Ansichten im Himmel nicht hatte haben wollen, kam er Gott sei dank nicht.
Montag, 12. November 2007
Mittwoch, 7. November 2007
reduce to the max
In den 90er Jahren ließ Erwin sich von einem Arzt für Aufmerksamkeitsstörungen beraten. Der Arzt sagte, Erwin müsse lernen, sich zu konzentrieren. Sich auf eine Sache konzentrieren. Kondensieren. Nicht immer gleich zur nächsten Sache übergeben. Nicht ständig die Erde wechseln und auf Tierhochzeiten teichseitig tanzen. Einen klaren Locus setzen. Ein Thema quälen und anbacken, auf eine vernünftige Art und leise. Erwin war begeistert und kaufte sich eine Cola, um wach zu bleiben.
Freitag, 12. Oktober 2007
Dienstag, 28. August 2007
Die Pistole
In der Nacht fand Erwin auf einem Kinderspielplatz anstelle eines Fixerbestecks eine Pistole. Er steckte sie zu sich und machte sich auf den Weg zu seinem Freund Stanley. Als Stanley nicht öffnen wollte, trat Erwin die Tür ein. Sein Freund schuldete ihm noch 1500 Euro. „Stanley, wo bist du?“ rief Erwin halb singend in den dunklen Flur. Es kam keine Antwort. „Stell dir vor, ich habe eine 326er Browning. 9 mm Automatik.“
Nun kam Stanley aus der Küche und knipste das Licht an. Er steckte in einer grauen Latzhose und trug eine Brille. Das war seine Arbeitskleidung als Uhrmacher. Stanley betrachtete die Löcher in der Wand. „Zeig her“ sagte er, und Erwin gab ihm die Waffe. „Und du bist sicher, dass es eine Pistole ist? Es könnte auch ein Fixerbesteck sein.“ „Nein. Sie lag im Sandkasten.“ „Mmh. Das klingt nach einer Pistole. Was hast du damit vor?“ „Gib mir mein Geld zurück Stanley, sonst schieße ich dir in den Kopf.“ Stanley hielt die Pistole ins Licht, dann wischte er mit einem Putztuch darüber, und gab sie Erwin zurück. „Du willst mich also bedrohen. Gut. Ausgeschlossen ist das nicht.“ Stanley verschwand in der Küche und kam nach einigen Minuten mit einem Bündel Geldscheine zurück. „Hier, gib nicht alles auf einmal aus.“ „Danke Stanley. Einen Moment länger und Peng du wärst jetzt tot. Zur Warnung schieße ich jetzt mal. Achtung.“ Erwin schoss in die Wand und in die Standuhr am Ende des Flurs, die zwischen dem Hirschgeweih und dem Gemälde vom Teutoburger Wald zu Boden krachte.
Der Heimweg führte Erwin in den Stadtpark. Er freute sich, zu Hause wollte er ein Raklett veranstalten. Da er allein war, würde er alle acht Pfännchen benutzen können. „Alle acht“ dachte Erwin. „Alle acht.“ Dann dachte er „alle neun.“ Dann dachte er ans Kegeln. Dann dachte er daran, die Straßenlampen im Park auszuschießen. Mehrmals legte er an. Dann dachte er daran, Munition zu sparen. Das hatte ihm vorhin ein Mann geraten. Der Mann hatte auf einer Parkbank gesessen und Erwin Erdnüsse angeboten. Der Mann war den ganzen Tag über die Autobahn gefahren. Über die Mitfahrerzentrale hatte er einen Platz in einem Peugot gebunkert. Von Amsterdam nach Berlin gab es Stau. Der Fahrer war ein Busfahrer, der sonst Busse fuhr, von Berlin nach Amsterdam, manchmal auch nach Kopenhagen. Erwin sagte „Nein danke“ und ging weiter.
Die Stöcke waren duster. Jemand hatte die Lampen im Park ausgeschossen. „Das bringt mich auf Ideen“ sagte Erwin, als der Weg wieder erleuchtet war. Der nasse Asphalt glänzte im Licht der Laternen. Der Stadtpark war unterdessen immer größer geworden. Es brauchte einen Gewaltmarsch, ihn zu durchqueren. Erwin dachte an den neuen Riesenairbus A380. Er hatte gelesen, dass in dieses Flugzeug Einkaufsstrassen passten. „Wenn ich einmal damit fliege, von Kopenhagen nach Berlin zum Beispiel, so wie es die Busfahrer tun, dann nehme ich mein Auto mit“ dachte er.
Plötzlich blieb Erwin stehen, er hatte etwas wieder erkannt. Er war gar nicht mehr im Stadtpark, sondern im Teutoburger Wald. „Verdammt“ dachte Erwin und erschoss einen Hirsch, der aus dem Unterholz auf den Waldweg sprang.
Es gibt Momente im Leben, da möchte man am Liebsten alles hinschmeißen und die Zeit zurückdrehen. Einen Hirsch im Teutoburger Wald vorschnell erschossen zu haben, ist so ein Moment. Erwin wusste, er stand auf dem Scheideweg und am Horizont brach der Tag der Entscheidung an. Er konnte zerbrechen und auf die schiefe Bahn geraten. Das viele Busfahren war nur ein Symptom.
Erwin zerlegte den Hirsch in vier Teile, trennte das Geweih ab und steckte es in ein Paket. Er würde es Stanley schicken mit der Bitte, die Zeit zurück zu drehen. Der Morgen graute. Dann verbuddelte Erwin die Pistole auf einem Kinderspielplatz und setzte sich einen Schuss Heroin.
Freiheit für Paul Austerlitz
Erwin spielte mit dem Kugelschreiber und überlegte. Austerlitz, ein Mann mit glasigen Augen und weicher Haut, nickte ihm lächelnd zu. „Verstehst du Erwin? Es wäre absurd, ja grotesk, würde man mich, einen entschiedenen Gegner der Psychiatrie, ausgerechnet in eine Psychiatrie stecken.“
Erwin wollte sich als Hausherr zu nichts drängen lassen. Aber der Mann hatte Recht. Erwin erinnerte sich, dass Austerlitz schon immer gegen die Psychiatrie gewettert hatte. Seine ständigen Hasstiraden gegen die Psychiatrie hatten ihm den Spitznamen „Psycho-Paule“ eingebracht. Kurzerhand und guten Gewissens unterschrieb Erwin die Erklärung.
Um drei Uhr morgens klopfte es an der Wohnungstür. Es waren zwei ganz in weiß gekleidete Männer, an ihren Gürteln trugen sie Gummiknüppel und Taschenlampen. „Entschuldigen Sie“, sagte der kleinere von beiden, er hatte eine Glatze und einen roten Schnauzbart, „wir suchen Paul Austerlitz.“ „Der sitzt in der Küche“ sagte Erwin müde „aber sie kommen umsonst, meine Herren. Er hält nichts auf die Psychiatrie. Ich kann das bestätigen.“
Erst jetzt sah Erwin, wie groß der andere Pfleger war. Ein Hüne mit einem tumben Gesichtsausdruck und ungeschickt rasierten Haaren. Ungeduldig fummelte er an seiner Taschenlampe herum. „Lass gut sein“ sagte der Kleinere und trat nun ganz nahe an Erwin heran. Er fixierte Erwins Augen mit seinen Augen. „Machen sie keinen Unfug“, sagte er scharf, „sie haben doch gar keine Ahnung.“
Erwin fühlte sich mit ein Mal verlassen und verstört und wütend. Er wollte etwas erwidern, aber da kam er schon ins Stocken. „Verdammt“ stammelte er und senkte dabei schamhaft den Blick. „Sie haben ja Recht. Noch vor einer Sekunde hätte ich schwören können, ich weiß, wovon ich rede. Aber jetzt…Ich habe nur eine dunkle Vorstellung davon, was Psychiatrie eigentlich bedeutet.“
Nun entstand eine peinliche Stille. „Wenn sie das nächste Mal einen Allerweltsbegriff nicht verstehen, dann schlagen sie gefälligst nach“ sagte schließlich der Glatzkopf. Dann machte er eine Handbewegung und er und sein Gorilla trollten sich im fahlen Licht die Treppe hinunter.
E.A. Josch
Zu Erwins Bekanntenkreis zählte der Schriftsteller Edgar Anton Josch, dessen größte Angst es war, als Figur in einer Geschichte aufzutauchen.
Saß man mit Josch in einem Cafe, kam es vor, dass er verschwand. Und irgendwo in der Nähe rauchten in diesen Momenten fiebrige Sonderlinge oder bildhübsche Mädchen, kritzelten Popromane oder kafkaeske Kurzgeschichten, und Josch kauerte wie ein Käfer im Polohemd unter dem Tisch.
Draußen, auf den weit gefassten Plätzen und unter den herbstlichen Ulmen machte Josch unbeschreibbare Bewegungen, sagte Sachen, die man nicht zitieren kann.
Nachts erwachte er schweißgebadet aus einem Albtraum, in dem ihn das Wort „schweißgebadet" an ein Leben in einem Schundroman erinnert hatte, an seinen schlimmsten Albtraum.
Um zu verhindern, eine Figur zu werden, war Josch Schriftsteller geworden. Ein Psychologe hatte ihm zu diesem Schritt geraten. Am Anfang klappte das prima, doch würde sich noch früh genug zeigen, dass die Schriftstellerei alles nur noch schlimmer machen sollte, so wie wenn einer aus dem Regen in eine Traufe gerät oder ein Bock als Gärtner auftritt.
Zu der alten Angst kam, ähnlich wie bei Medusa mit dem Schlangenkopf oder bei Fontane, sogleich eine neue hinzu. Josch befürchtete, es könnte anderen Freude bereiten, ein Buch über ihn als Schriftsteller zu schreiben.
„E.A. Josch war vieles: Lebemann, Alkoholiker und Literat. Doch in seinem Herzen war er vor allem eines: Ein Mensch aus Fleisch und Blut.“ So stellte sich Josch die ersten Zeilen eines derartigen Buches vor, es hieß: „E.A. Josch. Leben und Werk.“ Doch so sehr ihm diese Worte auch schmeichelten, wie gut sie ihm taten, einen würgenden Gedanken bekam er nicht aus der Kehle: Er war tot in diesem Buch. Tot wie eine Leiche. Der Psychologe wusste auch keinen Rat und Josch griff zur Flasche.
Um sich an den verständnisvollen Lesern für das zu rächen, was sie ihm antun würden, veröffentlichte Josch von jetzt an in der Sprache der Inuit-Indianer. Übersetzt hießen seine Werke „Erinnerungen an die Zukunft“ und „Vorhersagen für die Vergangenheit“. Alle Ausgaben verbrannte er im Garten. Er nannte das gegenüber Erwin, „die Worte von vorne anzünden“ und für ein paar glückselige Tage auf Rügen konnte es einen Menschen wie Josch tatsächlich freuen, etwas „Dunkles“ gesagt zu haben, das niemand so recht begriff. Genervt von Joschs ständigem Gejammer, er sei mit dem Handlungsverlauf unzufrieden, wandten sich schließlich die „so genannten“ Freunde von ihm ab.
Es heißt, der Dichter sei daraufhin in die Staaten gegangen. Dort habe er mit der Königin des Abschlussballs geschlafen und damit den Kapitän des Footballteams gegen sich aufgebracht. Dann sei er Millionär geworden und hätte fast eine verschollen geglaubte Zwillingsschwester geheiratet, wenn nicht im letzten Moment seine große Liebe aufgetaucht wäre, die er auf einem weißen Pferd zum Flughafen verfolgte, weil auf der Golden Gate Brücke gerade Stau war, und man im Taxi nicht vorwärts kam. Wenn die Gerüchte stimmen, muss das für Josch eine unermesslich qualvolle Zeit gewesen sein. Vergleichbar nur mit den Wochen seines Lebens, in denen er sagte, er habe sich mit seiner Identität als Donald Duck abgefunden. Damals strahlte er einen aus entenhaften Augen an, aber wer ihn kannte, der wusste genau, der tut nur so, der macht sich da was vor.
Edgar Anton Josch wollte kein Opfer und auch kein Mörder sein. Beides ist ihm nicht immer gelungen. Als Erwin die Mitteilung von seinem Tod bekam, schrieb er seine Erinnerungen an Josch auf ein Blatt Papier und verbrannte es im Garten. Die Sonne stand hoch am Himmel, bildhübsche Mädchen lauerten rauchend hinter den Ulmen und Erwin sagte wie ein Schurke für sich: „Es ist crazy. Aber irgendwie so halt, hat er es doch gewollt. Der Schriftsteller, dessen größte Angst es war, als Figur in einer Geschichte aufzutauchen.“
Unendlichkeit Teil Eins
Den Nachmittag verbrachte Erwin damit, sich der Unendlichkeit anzunähren. Hundert Äpfel, dreißigtausend Lampenschirme. Bei zehn Millionen Hubschraubern hörte Erwin auf. Er hatte Kopfweh und sah fern. Es war gegen fünf, da fiel er vom Stuhl. Im Badezimmerschrank, ganz unten in der Schublade, fand sich ein Pflaster mit einem Bärchen drauf, das sich Erwin auf die Schnittverletzung am Kopf klebte.
Abends auf der Party war Erwin der Einzige mit einem Bärchenpflaster am Kopf. Marianne fragte ihn, was er beruflich mache. „Was?“ fragte Erwin, und fuhr fort:
„Ich untersuche den Schlaf. Alle Menschen schlafen. Selbst ich schlafe, auch wenn die Schlafforschung viel Zeit beansprucht. Ich hoffe, ich habe dich mit meinen theoretischen Ausführungen nicht ermüdet.“ Marianne kreischte vor Lachen und war zufrieden. Sie fühlte sich sicher bei Erwin, wie an einem Fels in der Brandung. Sie trank.
Als Erwin vom Klo zurückkehrte stand Klaus links und Ulrich rechts. Vorher war es andersherum gewesen, wo hatte Erwin also vorher gestanden? Mit diesem Rätsel wollte er die Runde ein wenig auflockern. „Lass die Sonne in dein Herz“ dachte er, überlegte es sich dann jedoch anders, ihm war nicht so. Eigentlich wollte er um Erlaubnis fragen, ganz zu schweigen, redete dann aber doch.
„Wer, wenn nicht jetzt, wann, wenn nicht wir? …Ja Ja. Es fährt ein Transrapid von Shanghai nach nirgendwo, mit dir allein als Passagier. Wem sag ich das, du bist doch Deutschland, glück auf.“
Birte hatte Erwin mit glänzenden Augen zugehört. Wie dumm er war und dabei so impulsiv und aufbrausend, wie ein Orkan auf hoher See. Erwin trank.
Im Flur traf Erwin auf sein Spiegelbild, es hatte sich dort versteckt. „Ich bin nicht gekommen, mich zu beschweren“, sagte Erwin erleichtert und ging in die Küche. Dort geriet er mutwillig über eine Kunstpostkarte ins Staunen. Eine Frau war zu sehen, im Hintergrund allerhand Instrumente, Fernrohre und Zirkel. Nun trat ein mittelgroßer Mann hinzu und erklärte: „Die Frau ist die Personifikation der Melancholie. Das Bild stellt einen Zusammenhang her zwischen Genie, Wahnsinn, Schwermut, Weltschmerz, Traurigkeit, schwarzer Galle und Wissensdrang.“ „So ein Quatsch“ antwortete Erwin, „dieses Bild zeigt die Emanzipation der Frau im 17. Jahrhundert. Sie will den Weltraum erforschen, sie ist Wissenschaftlerin. Darüber wurde der Maler ganz melancholisch.“ Nun kams zum Wortgefecht. Der stolze, traurige Mensch namens Bernd wurde ausfallend. „Sag mir, was du siehst, und ich sag dir, was für ein Idiot du bist“, meinte er. Eine Frau sprang Erwin zur Seite. Sie hieß Katharina und fand es spannend, die Offenheit des Kunstwerks in die barocke Bildsprache hinein zu projizieren. Erwin hatte nur halb zugehört. „Wer sich nach allen Seiten offen hält, ist nicht ganz dicht“ sagte er und ging zurück ins Wohnzimmer.
Schon bald lernte er Julius kennen, einen Erasmus-Studenten aus Rotterdam. Sie verstanden sich auf Anhieb, Julius lernte seit zwei Tagen deutsch. Erwin las Julius die Gedanken an den Augen ab. Julius fragte, wie Erwin die Möglichkeiten der Empathie einschätze. Wie weit können Menschen sich verstehen? Erwin nahm sich für seine Antwort Zeit. Er wollte die Welt, die hier zu Gast bei Freunden war, nicht mit Oberflächlichkeiten enttäuschen. „Also Julius, ich will es mal so formulieren“ sagte er. „Ich glaube, das mit dem Verständnis kannst du in die Tonne treten. Comprende?“ „Na Logo“ sagte Julius und bewegte sich nicht.
Nun hielt Erwin nach Birte Ausschau. Sie hatte ihm vorhin mit glänzenden Augen zugehört und dann mit Bernd rumgealbert. Erwin hatte das Gefühl, dass sie ihn für dumm und impulsiv hielt. Warum konnte er nicht so genau sagen. So etwas kommt einem in den Sinn, so wie ein Glas Milch.
„Pimp my party“ sagte sich schließlich Erwin und fuhr mit Katharina in einem Bus zur Stadtgrenze. Sie sangen „Kling klang, du und ich“ und brachen in ein Gewächshaus ein. Die Palmen und Orchideen standen in gelb-grünem Licht. „Ist es nicht schön, das wir gemeinsam schweigen können?“ fragte Erwin. „Schnauze, sonst knallt’s“ antwortete Katharina und zog sich aus.

