Dienstag, 28. August 2007

Unendlichkeit Teil Eins

Den Nachmittag verbrachte Erwin damit, sich der Unendlichkeit anzunähren. Hundert Äpfel, dreißigtausend Lampenschirme. Bei zehn Millionen Hubschraubern hörte Erwin auf. Er hatte Kopfweh und sah fern. Es war gegen fünf, da fiel er vom Stuhl. Im Badezimmerschrank, ganz unten in der Schublade, fand sich ein Pflaster mit einem Bärchen drauf, das sich Erwin auf die Schnittverletzung am Kopf klebte.

Abends auf der Party war Erwin der Einzige mit einem Bärchenpflaster am Kopf. Marianne fragte ihn, was er beruflich mache. „Was?“ fragte Erwin, und fuhr fort:

„Ich untersuche den Schlaf. Alle Menschen schlafen. Selbst ich schlafe, auch wenn die Schlafforschung viel Zeit beansprucht. Ich hoffe, ich habe dich mit meinen theoretischen Ausführungen nicht ermüdet.“ Marianne kreischte vor Lachen und war zufrieden. Sie fühlte sich sicher bei Erwin, wie an einem Fels in der Brandung. Sie trank.

Als Erwin vom Klo zurückkehrte stand Klaus links und Ulrich rechts. Vorher war es andersherum gewesen, wo hatte Erwin also vorher gestanden? Mit diesem Rätsel wollte er die Runde ein wenig auflockern. „Lass die Sonne in dein Herz“ dachte er, überlegte es sich dann jedoch anders, ihm war nicht so. Eigentlich wollte er um Erlaubnis fragen, ganz zu schweigen, redete dann aber doch.

„Wer, wenn nicht jetzt, wann, wenn nicht wir? …Ja Ja. Es fährt ein Transrapid von Shanghai nach nirgendwo, mit dir allein als Passagier. Wem sag ich das, du bist doch Deutschland, glück auf.“

Birte hatte Erwin mit glänzenden Augen zugehört. Wie dumm er war und dabei so impulsiv und aufbrausend, wie ein Orkan auf hoher See. Erwin trank.

Im Flur traf Erwin auf sein Spiegelbild, es hatte sich dort versteckt. „Ich bin nicht gekommen, mich zu beschweren“, sagte Erwin erleichtert und ging in die Küche. Dort geriet er mutwillig über eine Kunstpostkarte ins Staunen. Eine Frau war zu sehen, im Hintergrund allerhand Instrumente, Fernrohre und Zirkel. Nun trat ein mittelgroßer Mann hinzu und erklärte: „Die Frau ist die Personifikation der Melancholie. Das Bild stellt einen Zusammenhang her zwischen Genie, Wahnsinn, Schwermut, Weltschmerz, Traurigkeit, schwarzer Galle und Wissensdrang.“ „So ein Quatsch“ antwortete Erwin, „dieses Bild zeigt die Emanzipation der Frau im 17. Jahrhundert. Sie will den Weltraum erforschen, sie ist Wissenschaftlerin. Darüber wurde der Maler ganz melancholisch.“ Nun kams zum Wortgefecht. Der stolze, traurige Mensch namens Bernd wurde ausfallend. „Sag mir, was du siehst, und ich sag dir, was für ein Idiot du bist“, meinte er. Eine Frau sprang Erwin zur Seite. Sie hieß Katharina und fand es spannend, die Offenheit des Kunstwerks in die barocke Bildsprache hinein zu projizieren. Erwin hatte nur halb zugehört. „Wer sich nach allen Seiten offen hält, ist nicht ganz dicht“ sagte er und ging zurück ins Wohnzimmer.

Schon bald lernte er Julius kennen, einen Erasmus-Studenten aus Rotterdam. Sie verstanden sich auf Anhieb, Julius lernte seit zwei Tagen deutsch. Erwin las Julius die Gedanken an den Augen ab. Julius fragte, wie Erwin die Möglichkeiten der Empathie einschätze. Wie weit können Menschen sich verstehen? Erwin nahm sich für seine Antwort Zeit. Er wollte die Welt, die hier zu Gast bei Freunden war, nicht mit Oberflächlichkeiten enttäuschen. „Also Julius, ich will es mal so formulieren“ sagte er. „Ich glaube, das mit dem Verständnis kannst du in die Tonne treten. Comprende?“ „Na Logo“ sagte Julius und bewegte sich nicht.

Nun hielt Erwin nach Birte Ausschau. Sie hatte ihm vorhin mit glänzenden Augen zugehört und dann mit Bernd rumgealbert. Erwin hatte das Gefühl, dass sie ihn für dumm und impulsiv hielt. Warum konnte er nicht so genau sagen. So etwas kommt einem in den Sinn, so wie ein Glas Milch.

„Pimp my party“ sagte sich schließlich Erwin und fuhr mit Katharina in einem Bus zur Stadtgrenze. Sie sangen „Kling klang, du und ich“ und brachen in ein Gewächshaus ein. Die Palmen und Orchideen standen in gelb-grünem Licht. „Ist es nicht schön, das wir gemeinsam schweigen können?“ fragte Erwin. „Schnauze, sonst knallt’s“ antwortete Katharina und zog sich aus.

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