Zu Erwins Bekanntenkreis zählte der Schriftsteller Edgar Anton Josch, dessen größte Angst es war, als Figur in einer Geschichte aufzutauchen.
Saß man mit Josch in einem Cafe, kam es vor, dass er verschwand. Und irgendwo in der Nähe rauchten in diesen Momenten fiebrige Sonderlinge oder bildhübsche Mädchen, kritzelten Popromane oder kafkaeske Kurzgeschichten, und Josch kauerte wie ein Käfer im Polohemd unter dem Tisch.
Draußen, auf den weit gefassten Plätzen und unter den herbstlichen Ulmen machte Josch unbeschreibbare Bewegungen, sagte Sachen, die man nicht zitieren kann.
Nachts erwachte er schweißgebadet aus einem Albtraum, in dem ihn das Wort „schweißgebadet" an ein Leben in einem Schundroman erinnert hatte, an seinen schlimmsten Albtraum.
Um zu verhindern, eine Figur zu werden, war Josch Schriftsteller geworden. Ein Psychologe hatte ihm zu diesem Schritt geraten. Am Anfang klappte das prima, doch würde sich noch früh genug zeigen, dass die Schriftstellerei alles nur noch schlimmer machen sollte, so wie wenn einer aus dem Regen in eine Traufe gerät oder ein Bock als Gärtner auftritt.
Zu der alten Angst kam, ähnlich wie bei Medusa mit dem Schlangenkopf oder bei Fontane, sogleich eine neue hinzu. Josch befürchtete, es könnte anderen Freude bereiten, ein Buch über ihn als Schriftsteller zu schreiben.
„E.A. Josch war vieles: Lebemann, Alkoholiker und Literat. Doch in seinem Herzen war er vor allem eines: Ein Mensch aus Fleisch und Blut.“ So stellte sich Josch die ersten Zeilen eines derartigen Buches vor, es hieß: „E.A. Josch. Leben und Werk.“ Doch so sehr ihm diese Worte auch schmeichelten, wie gut sie ihm taten, einen würgenden Gedanken bekam er nicht aus der Kehle: Er war tot in diesem Buch. Tot wie eine Leiche. Der Psychologe wusste auch keinen Rat und Josch griff zur Flasche.
Um sich an den verständnisvollen Lesern für das zu rächen, was sie ihm antun würden, veröffentlichte Josch von jetzt an in der Sprache der Inuit-Indianer. Übersetzt hießen seine Werke „Erinnerungen an die Zukunft“ und „Vorhersagen für die Vergangenheit“. Alle Ausgaben verbrannte er im Garten. Er nannte das gegenüber Erwin, „die Worte von vorne anzünden“ und für ein paar glückselige Tage auf Rügen konnte es einen Menschen wie Josch tatsächlich freuen, etwas „Dunkles“ gesagt zu haben, das niemand so recht begriff. Genervt von Joschs ständigem Gejammer, er sei mit dem Handlungsverlauf unzufrieden, wandten sich schließlich die „so genannten“ Freunde von ihm ab.
Es heißt, der Dichter sei daraufhin in die Staaten gegangen. Dort habe er mit der Königin des Abschlussballs geschlafen und damit den Kapitän des Footballteams gegen sich aufgebracht. Dann sei er Millionär geworden und hätte fast eine verschollen geglaubte Zwillingsschwester geheiratet, wenn nicht im letzten Moment seine große Liebe aufgetaucht wäre, die er auf einem weißen Pferd zum Flughafen verfolgte, weil auf der Golden Gate Brücke gerade Stau war, und man im Taxi nicht vorwärts kam. Wenn die Gerüchte stimmen, muss das für Josch eine unermesslich qualvolle Zeit gewesen sein. Vergleichbar nur mit den Wochen seines Lebens, in denen er sagte, er habe sich mit seiner Identität als Donald Duck abgefunden. Damals strahlte er einen aus entenhaften Augen an, aber wer ihn kannte, der wusste genau, der tut nur so, der macht sich da was vor.
Edgar Anton Josch wollte kein Opfer und auch kein Mörder sein. Beides ist ihm nicht immer gelungen. Als Erwin die Mitteilung von seinem Tod bekam, schrieb er seine Erinnerungen an Josch auf ein Blatt Papier und verbrannte es im Garten. Die Sonne stand hoch am Himmel, bildhübsche Mädchen lauerten rauchend hinter den Ulmen und Erwin sagte wie ein Schurke für sich: „Es ist crazy. Aber irgendwie so halt, hat er es doch gewollt. Der Schriftsteller, dessen größte Angst es war, als Figur in einer Geschichte aufzutauchen.“
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