Dienstag, 28. August 2007

Freiheit für Paul Austerlitz


Eines Nachts kam Paul Austerlitz in Erwins Wohnung. Er war auf der Flucht. Seine Verwandten wollten ihn entmündigen und enterben. Ein Gutachter hatte ihm deswegen Paranoia, Schizophrenie und verschiedene Zwangsneurosen attestiert. In der Küche holte Austerlitz eine Erklärung aus seinem Aktenkoffer, die Erwin unterschreiben sollte. Die Erklärung ging so: „Ich bestätige, dass Paul Austerlitz gar nichts mit der Psychiatrie am Hut hat. Er ist sogar gegen die Psychiatrie.“

Erwin spielte mit dem Kugelschreiber und überlegte. Austerlitz, ein Mann mit glasigen Augen und weicher Haut, nickte ihm lächelnd zu. „Verstehst du Erwin? Es wäre absurd, ja grotesk, würde man mich, einen entschiedenen Gegner der Psychiatrie, ausgerechnet in eine Psychiatrie stecken.“

Erwin wollte sich als Hausherr zu nichts drängen lassen. Aber der Mann hatte Recht. Erwin erinnerte sich, dass Austerlitz schon immer gegen die Psychiatrie gewettert hatte. Seine ständigen Hasstiraden gegen die Psychiatrie hatten ihm den Spitznamen „Psycho-Paule“ eingebracht. Kurzerhand und guten Gewissens unterschrieb Erwin die Erklärung.

Um drei Uhr morgens klopfte es an der Wohnungstür. Es waren zwei ganz in weiß gekleidete Männer, an ihren Gürteln trugen sie Gummiknüppel und Taschenlampen. „Entschuldigen Sie“, sagte der kleinere von beiden, er hatte eine Glatze und einen roten Schnauzbart, „wir suchen Paul Austerlitz.“ „Der sitzt in der Küche“ sagte Erwin müde „aber sie kommen umsonst, meine Herren. Er hält nichts auf die Psychiatrie. Ich kann das bestätigen.“

Erst jetzt sah Erwin, wie groß der andere Pfleger war. Ein Hüne mit einem tumben Gesichtsausdruck und ungeschickt rasierten Haaren. Ungeduldig fummelte er an seiner Taschenlampe herum. „Lass gut sein“ sagte der Kleinere und trat nun ganz nahe an Erwin heran. Er fixierte Erwins Augen mit seinen Augen. „Machen sie keinen Unfug“, sagte er scharf, „sie haben doch gar keine Ahnung.“

Erwin fühlte sich mit ein Mal verlassen und verstört und wütend. Er wollte etwas erwidern, aber da kam er schon ins Stocken. „Verdammt“ stammelte er und senkte dabei schamhaft den Blick. „Sie haben ja Recht. Noch vor einer Sekunde hätte ich schwören können, ich weiß, wovon ich rede. Aber jetzt…Ich habe nur eine dunkle Vorstellung davon, was Psychiatrie eigentlich bedeutet.“

Nun entstand eine peinliche Stille. „Wenn sie das nächste Mal einen Allerweltsbegriff nicht verstehen, dann schlagen sie gefälligst nach“ sagte schließlich der Glatzkopf. Dann machte er eine Handbewegung und er und sein Gorilla trollten sich im fahlen Licht die Treppe hinunter.

Keine Kommentare: