Dienstag, 28. August 2007

Die Pistole


In der Nacht fand Erwin auf einem Kinderspielplatz anstelle eines Fixerbestecks eine Pistole. Er steckte sie zu sich und machte sich auf den Weg zu seinem Freund Stanley. Als Stanley nicht öffnen wollte, trat Erwin die Tür ein. Sein Freund schuldete ihm noch 1500 Euro. „Stanley, wo bist du?“ rief Erwin halb singend in den dunklen Flur. Es kam keine Antwort. „Stell dir vor, ich habe eine 326er Browning. 9 mm Automatik.“
Nun kam Stanley aus der Küche und knipste das Licht an. Er steckte in einer grauen Latzhose und trug eine Brille. Das war seine Arbeitskleidung als Uhrmacher. Stanley betrachtete die Löcher in der Wand. „Zeig her“ sagte er, und Erwin gab ihm die Waffe. „Und du bist sicher, dass es eine Pistole ist? Es könnte auch ein Fixerbesteck sein.“ „Nein. Sie lag im Sandkasten.“ „Mmh. Das klingt nach einer Pistole. Was hast du damit vor?“ „Gib mir mein Geld zurück Stanley, sonst schieße ich dir in den Kopf.“ Stanley hielt die Pistole ins Licht, dann wischte er mit einem Putztuch darüber, und gab sie Erwin zurück. „Du willst mich also bedrohen. Gut. Ausgeschlossen ist das nicht.“ Stanley verschwand in der Küche und kam nach einigen Minuten mit einem Bündel Geldscheine zurück. „Hier, gib nicht alles auf einmal aus.“ „Danke Stanley. Einen Moment länger und Peng du wärst jetzt tot. Zur Warnung schieße ich jetzt mal. Achtung.“ Erwin schoss in die Wand und in die Standuhr am Ende des Flurs, die zwischen dem Hirschgeweih und dem Gemälde vom Teutoburger Wald zu Boden krachte.

Der Heimweg führte Erwin in den Stadtpark. Er freute sich, zu Hause wollte er ein Raklett veranstalten. Da er allein war, würde er alle acht Pfännchen benutzen können. „Alle acht“ dachte Erwin. „Alle acht.“ Dann dachte er „alle neun.“ Dann dachte er ans Kegeln. Dann dachte er daran, die Straßenlampen im Park auszuschießen. Mehrmals legte er an. Dann dachte er daran, Munition zu sparen. Das hatte ihm vorhin ein Mann geraten. Der Mann hatte auf einer Parkbank gesessen und Erwin Erdnüsse angeboten. Der Mann war den ganzen Tag über die Autobahn gefahren. Über die Mitfahrerzentrale hatte er einen Platz in einem Peugot gebunkert. Von Amsterdam nach Berlin gab es Stau. Der Fahrer war ein Busfahrer, der sonst Busse fuhr, von Berlin nach Amsterdam, manchmal auch nach Kopenhagen. Erwin sagte „Nein danke“ und ging weiter.

Die Stöcke waren duster. Jemand hatte die Lampen im Park ausgeschossen. „Das bringt mich auf Ideen“ sagte Erwin, als der Weg wieder erleuchtet war. Der nasse Asphalt glänzte im Licht der Laternen. Der Stadtpark war unterdessen immer größer geworden. Es brauchte einen Gewaltmarsch, ihn zu durchqueren. Erwin dachte an den neuen Riesenairbus A380. Er hatte gelesen, dass in dieses Flugzeug Einkaufsstrassen passten. „Wenn ich einmal damit fliege, von Kopenhagen nach Berlin zum Beispiel, so wie es die Busfahrer tun, dann nehme ich mein Auto mit“ dachte er.

Plötzlich blieb Erwin stehen, er hatte etwas wieder erkannt. Er war gar nicht mehr im Stadtpark, sondern im Teutoburger Wald. „Verdammt“ dachte Erwin und erschoss einen Hirsch, der aus dem Unterholz auf den Waldweg sprang.

Es gibt Momente im Leben, da möchte man am Liebsten alles hinschmeißen und die Zeit zurückdrehen. Einen Hirsch im Teutoburger Wald vorschnell erschossen zu haben, ist so ein Moment. Erwin wusste, er stand auf dem Scheideweg und am Horizont brach der Tag der Entscheidung an. Er konnte zerbrechen und auf die schiefe Bahn geraten. Das viele Busfahren war nur ein Symptom.

Erwin zerlegte den Hirsch in vier Teile, trennte das Geweih ab und steckte es in ein Paket. Er würde es Stanley schicken mit der Bitte, die Zeit zurück zu drehen. Der Morgen graute. Dann verbuddelte Erwin die Pistole auf einem Kinderspielplatz und setzte sich einen Schuss Heroin.

2 Kommentare:

Hektor Morales hat gesagt…

Hallo Raspa,

Seifenblasen hin, oder her...

dass die Pistole wieder im Sandkasten landet desillusionierte mich dann auf tragisch, komische Weise.

Es sah danach aus, als hätte Erwin etwas gelernt...

Wenn das große rudern vorbei ist, gibt es was neues!?

Bis dahin

...

Raspa Kaback hat gesagt…

Hallo Hektor,
schön, dass du meldest. Schade, dass wir Augen verloren haben. Aber man sieht sich, findest du nicht auch? Der Relaunch der Seite steckt noch im Automaten. Aber er kommt. Jetzt sofort oder früher. Raspa.